Reisebüros als Pforte für die digitale Welt

by | May 13, 2020

Die Reisebranche wird nach der Corona-Krise eine andere sein. Für Reisebüros bildet die Generation der Best-Ager und Babyboomer die klassische Kundengruppe. Diese wird materiell sicher weniger von der Wirtschaftskrise betroffen sein als weniger zahlungskräftige Gesellschaftsteile. Es ist aber unwahrscheinlich, dass eine Generation von Reisebüro-Kunden nachwachsen wird. Die reiseaffinen Millennials sind mittlerweile 30 Jahre alt und haben Kaufkraft entwickelt. Diese Generation kann nur wenig mit der Idee anfangen, in ein Reisebüro in einer deutschen Fußgängerzone zu gehen, um dort sein vermeintlich individuelles Abenteuer zu buchen. Obendrein suggerieren die Reisen von digitalen Anbietern wie zum Beispiel Tourlane oder iTravel zumindest mehr Individualität als die der klassischen Reiseveranstalter. 

Für einen Blick in eine mögliche Zukunft kann man nach China schauen. Dort herrscht ein Oligopol von drei Reiseanbietern, die ihre Produkte – von Einzelleistungen bis Pauschalreisen – primär online verkaufen, namentlich Trip.com mit der Marke Ctrip, Meituan und Alitrip, Tochter von Alibaba, dem Amazon des Ostens. Die Mehrheit der Reisen sowohl ins Inland wie auch ins Ausland wird online verkauft. China ist generell und generationsübergreifend eine digitale Gesellschaft. Hier wird mehrheitlich bargeldlos bezahlt, das Smartphone übernimmt eine zentrale Rolle im privaten und beruflichen Lebensalltag ein. China lebt die neuen digitalen Realitäten nicht nur viel länger als wir. Es gestaltet sie maßgeblich mit, und zwar in allen Branchen. Das heißt dennoch nicht, dass stationäre Reisebüros in China irrelevant sind. Ganz im Gegenteil.

Schon lange vor der Covid-19 Pandemie trieben Anbieter wie Trip.com in vielen Städten den Ausbau ihrer Markenshops voran. Diese oft von Franchisenehmern betriebenen Reisebüros verlassen sich auf die Produkte und Technik der großen Plattformen. Die Reisebüros verdienen auch hier über Provisionen. Über die Systeme kann zum Beispiel über Online-Codes nachvollzogen werden, wenn der Kunde nach der Beratung im Reisebüro im Internet bucht. 

Strategisches Ziel ist, die Kunden offline an die Portale heranzuführen. Dies erklärt die massiven Neuinvestitionen der drei großen Anbieter in ihre Shops. So hat Ctrip 2019, die über 45.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigen und in den vergangenen fünf Jahren eine halbe Milliarde US-Dollar in ihre technische Infrastruktur investieren haben, rund 3000 neue Reisebüros eröffnet. Vor allem in den „kleineren“ Dritt- und Viertstädten Chinas ist dies der Fall. Dort ist der digitale Konsum geringer als in Peking oder Schanghai, aber dem digitalen Stand Deutschlands sind die „Kleinstädte“ weit voraus. 

In Deutschland steht das Reisebüro eher im Spannungsfeld zur digitalen Welt. Es wäre naiv, die Lebens- und Geschäftsmodelle Chinas eins zu eins zu übertragen. Dennoch ist es lohnend, sich mit dem chinesischen Modell von Markenshops und Flagship Stores und der digitalen Integration der Reisbüros in ein Vertriebsmodell zu beschäftigen. Die Reisebüros und die Veranstalter benötigen gemeinsam ein Zukunftsmodell, damit ihr Geschäft nicht von rein digitalen Anbietern übernommen wird. Ansonsten wird das Reisbürosterben katastrophaler werden, als wir es uns derzeit vorstellen können.

Andreas Janz

Erschienen als Gastbeitrag in der fvw 10/20 am 08.05.2020